Wie viel Vergangenheit braucht die Mediation?

Wie viel Vergangenheit braucht die Mediation?

„Wir sollten nicht mehr in der Vergangenheit herumwühlen. Wir müssen nach vorne schauen.“

Dieser Satz klingt vernünftig. Und tatsächlich ist Mediation ein Verfahren, das den Blick auf die Zukunft richtet. Es geht darum, Lösungen zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen und eine Zukunft zu gestalten, mit der die Beteiligten leben können.  Doch manchmal führt der schnellste Weg in die Zukunft zunächst ein Stück zurück. Denn Konflikte haben eine Geschichte.

Die Vergangenheit ist vorbei – ihre Wirkung manchmal nicht

Menschen kommen selten wegen eines einzelnen Ereignisses in eine Mediation. Häufig gab es eine ganze Reihe von Situationen:

Eine Bemerkung, die verletzt hat.

Eine Entscheidung, die nicht nachvollziehbar war.

Eine Leistung, die keine Anerkennung fand.

Ein Versprechen, das aus Sicht eines Beteiligten nicht eingehalten wurde.

Eine Situation, in der sich jemand übergangen, nicht ernst genommen oder ungerecht behandelt fühlte.

Das Ereignis selbst liegt vielleicht Monate oder sogar Jahre zurück. Seine Bedeutung kann jedoch bis heute wirken. Deshalb ist die Vergangenheit in einer Mediation durchaus wichtig. Aber anders, als man vielleicht denkt.

Mediation ist keine historische Wahrheitskommission

Wenn zwei Menschen einen Konflikt schildern, entstehen häufig zwei unterschiedliche Geschichten. Der eine sagt:

„Du hast mich damals vor dem ganzen Team bloßgestellt.“

Der andere antwortet:

„Das stimmt überhaupt nicht. Ich habe lediglich Kritik geäußert.“

Und schon könnte eine umfangreiche Untersuchung beginnen: Wer hat was gesagt? Welche Worte wurden genau benutzt? Wer war dabei? Wer hat angefangen? Was war vorher? Und was geschah wiederum davor?

Man kann sich auf diese Weise sehr lange durch die Vergangenheit eines Konflikts arbeiten. Für eine Mediation ist eine andere Frage häufig interessanter:

Was bedeutet dieses damalige Ereignis heute noch für die Beteiligten?

Nicht nur fragen: Was ist passiert?

Nehmen wir an, jemand sagt in einer Mediation:

„Damals hat er meine Entscheidung vor dem gesamten Team infrage gestellt.“

Natürlich interessiert zunächst, was geschehen ist. Doch für die Konfliktklärung können andere Fragen wichtiger werden:

Was hat diese Situation für Sie bedeutet?

Was war daran besonders schwierig für Sie?

Was hätten Sie damals gebraucht?

Was ist Ihnen dadurch deutlich geworden?

Vielleicht lautet die Antwort:

„Ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht respektiert zu werden.“

Dann verändert sich das Gespräch. Es geht nicht mehr nur um ein vergangenes Ereignis. Sichtbar wird etwas, das für die Person wichtig ist:

Respekt. Anerkennung. Verlässlichkeit. Zugehörigkeit. Vertrauen.

Und genau dort beginnt häufig die eigentliche Konfliktklärung.

Zwei verschiedene Wirklichkeiten?

Das bedeutet nicht, dass Tatsachen in einer Mediation bedeutungslos wären. Aber Mediator:innen sind in der Regel nicht dafür da, ein abschließendes Urteil darüber zu fällen, welche Konfliktgeschichte die „richtige“ ist. Menschen nehmen Situationen unterschiedlich wahr. Sie erinnern unterschiedlich. Sie geben demselben Verhalten unterschiedliche Bedeutungen. Was für den einen eine sachliche Bemerkung war, kann beim anderen als massive Herabsetzung angekommen sein. Beides lässt sich zunächst nebeneinander betrachten.

Eine hilfreiche Frage lautet deshalb:

Was aus der Vergangenheit ist heute noch anwesend?

Denn genau das ist für die weitere Mediation relevant.

Manchmal braucht die Zukunft eine geklärte Vergangenheit

Es wäre deshalb problematisch, Mediand:innen vorschnell zu sagen:

„Wir wollen doch nach vorne schauen.“

Stellen Sie sich vor, Sie haben sich durch das Verhalten eines Kollegen tief verletzt gefühlt. Vielleicht beschäftigt Sie eine bestimmte Situation seit Monaten. Nun erzählen Sie davon. Und die Reaktion lautet:

„Das ist Vergangenheit. Was wünschen Sie sich denn für die Zukunft?“

Das kann sich weniger nach Lösungsorientierung als nach Nichtbeachtung anfühlen. Manche Dinge müssen zunächst ausgesprochen werden. Manche Verletzungen brauchen Anerkennung. Manche Entscheidungen brauchen eine Erklärung. Manchmal muss Verantwortung übernommen werden. Und manchmal kann eine aufrichtige Entschuldigung etwas verändern, das jahrelang zwischen Menschen gestanden hat.

Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern.

Ihre Bedeutung für die Gegenwart manchmal schon.

Klären heißt nicht: Recht geben

Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied. Wenn ein Mediator sagt:

„Ich merke, wie sehr Sie diese damalige Situation noch beschäftigt“,

dann bestätigt er damit nicht automatisch:

„Ihre Darstellung der damaligen Ereignisse ist objektiv richtig.“

Er würdigt zunächst das Erleben des Menschen. Das ist etwas anderes. Gerade diese Unterscheidung ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander stehen zu lassen und dennoch ernst zu nehmen, was die Beteiligten erlebt haben.

Die entscheidende Frage: Wofür müssen wir das wissen?

Für Mediator:innen gibt es eine einfache Orientierung. Wenn die Beteiligten immer tiefer in die Konfliktgeschichte einsteigen, kann die Frage helfen:

Wofür müssen wir das wissen?

Hilft uns die Information zu verstehen, was jemanden verletzt hat? Zeigt sie ein wichtiges Bedürfnis? Macht sie verständlich, warum Vertrauen verloren gegangen ist? Zeigt sie, was künftig anders sein müsste? Dann kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen.

Geht es dagegen nur noch darum, den Mediator davon zu überzeugen, dass der andere schon immer der Schuldige war, ist möglicherweise ein Richtungswechsel hilfreich.

Von der Vergangenheit in die Zukunft

Eine Mediation kann beispielsweise dieser Bewegung folgen:

Was ist geschehen?

Dann:

Was hat das für Sie bedeutet?

Dann:

Was war oder ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Und schließlich:

Was müsste künftig anders sein?

So entsteht aus einer vergangenen Erfahrung eine Information für die Zukunft.

Aus dem Vorwurf

„Du hast mich damals übergangen!“

kann beispielsweise die Erkenntnis entstehen:

„Bei Entscheidungen, die meinen Verantwortungsbereich betreffen, möchte ich frühzeitig einbezogen werden.“

Plötzlich lässt sich darüber sprechen, wie Zusammenarbeit künftig gestaltet werden kann. Genau darin liegt eine besondere Stärke der Mediation.

Vergangenheit als Sprungbrett statt als Aufenthaltsort

Die Vergangenheit darf in einer Mediation ihren Platz bekommen. Aber sie muss nicht zum Aufenthaltsort werden. Denn am Ende geht es nicht darum, eine perfekte gemeinsame Chronik des Konflikts zu schreiben.

Es geht darum, genügend zu verstehen, damit Veränderung möglich wird. Vielleicht lässt sich die Rolle der Vergangenheit in der Mediation deshalb mit einem Satz zusammenfassen:

Wir besuchen die Vergangenheit nicht, um dort zu wohnen. Wir holen dort das ab, was wir für die Gestaltung der Zukunft brauchen.

Und manchmal ist genau dieser kurze Weg zurück der entscheidende Schritt nach vorn.

Stecken Sie selbst in einem Konflikt fest?

Vielleicht drehen sich auch Ihre Gespräche immer wieder um dieselben vergangenen Situationen. Jeder weiß noch genau, was der andere wann gesagt oder getan hat – und trotzdem entsteht keine Lösung. Eine Mediation kann dabei helfen, aus diesen festgefahrenen Konfliktgeschichten wieder einen Blick auf das zu entwickeln, was künftig möglich sein könnte.

In einem kostenlosen und unverbindlichen Erstgespräch können wir gemeinsam klären, ob Mediation für Ihren Konflikt ein sinnvoller Weg sein kann. Das Gespräch ist persönlich in Saarbrücken, telefonisch oder per Videokonferenz möglich.

Kostenloses Erstgespräch vereinbaren:
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Wenn Sie zunächst mehr darüber erfahren möchten, wie Mediation funktioniert, können Sie außerdem mein kostenloses Buch „Mediation: Manchmal beginnt die Lösung dort, wo das Rechthaben aufhört“ herunterladen.

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Gerfried Braune

Assessor jur. & zertifizierter Mediator Ringstr, 49, 66130 Saarbrücken, Telefon +49 6893 986047 Fax +49 6893 986049, Mobil +49 151 40 77 6556

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