Das hilfreiche Dritte: Warum wir im Konflikt gern Umwege gehen

Das hilfreiche Dritte: Warum wir im Konflikt gern Umwege gehen

Wenn Menschen miteinander in Konflikt geraten, geschieht häufig etwas Merkwürdiges: Sie reden nicht mehr miteinander, sondern über etwas Drittes.

Manchmal ist dieses Dritte eine andere Person:

Die Kollegin erzählt es einer weiteren Kollegin.
Der Bruder wird in den Streit zwischen zwei Geschwistern hineingezogen.
Die Führungskraft soll „endlich mal ein Machtwort sprechen“.
Die Kinder werden zu Vertrauten im Streit der Eltern.
Freunde, Verwandte oder Bekannte werden gefragt: „Sag mal ehrlich, siehst du das nicht genauso?“

Manchmal ist das Dritte aber auch keine Person. Dann wird auf Institutionen, Regeln, Gutachten, Gesetze, Protokolle, Diagnosen, Hierarchien oder „das System“ verwiesen.

Dann heißt es zum Beispiel:

„Das muss die Geschäftsführung entscheiden.“
„Dann gehe ich eben zum Betriebsrat.“
„Das ist rechtlich eindeutig.“
„Die Zahlen sprechen doch für sich.“
„Das steht so im Protokoll.“
„Die Dienstanweisung lässt keine andere Lösung zu.“
„Das Jugendamt soll sich das anschauen.“
„Das System funktioniert hier einfach nicht.“

Auch das ist eine Form von Triangulation.

Was bedeutet Triangulation?

Triangulation bedeutet: Ein Konflikt zwischen zwei Seiten wird über ein Drittes geführt.

Aus einem direkten Konflikt zwischen A und B entsteht ein Dreieck:

A spricht nicht mehr mit B, sondern über B mit C.
Oder A versucht, B durch eine Institution, eine Regel, ein Dokument oder eine Autorität zu beeinflussen.

Das klingt zunächst negativ. Ist es aber nicht immer.

Denn in Konflikten brauchen Menschen manchmal Unterstützung. Sie brauchen jemanden, der zuhört. Sie brauchen Abstand. Sie brauchen Orientierung. Sie brauchen einen geschützten Raum, um die eigenen Gedanken zu sortieren.

Das Dritte kann also hilfreich sein.

Problematisch wird es dort, wo das Dritte das eigentliche Gespräch ersetzt.

Warum wir im Konflikt gern triangulieren

Konflikte sind anstrengend. Sie lösen Ärger, Unsicherheit, Angst, Kränkung oder Hilflosigkeit aus. Das direkte Gespräch mit der anderen Person erscheint dann oft riskant.

Was, wenn es eskaliert?
Was, wenn ich mich nicht verständlich machen kann?
Was, wenn der andere wieder alles verdreht?
Was, wenn ich verletzt werde?
Was, wenn ich am Ende allein dastehe?

Ein Dritter gibt Entlastung.

Jemand hört zu.
Jemand bestätigt die eigene Sicht.
Jemand sagt: „Das kann ich gut verstehen.“
Jemand hilft, Worte zu finden.
Jemand gibt Rückhalt.

Das ist menschlich. Und oft sogar notwendig.

Schwierig wird es, wenn aus Unterstützung eine Koalition wird.

Dann geht es nicht mehr darum, wieder gesprächsfähig zu werden. Dann geht es darum, Verbündete zu finden. Die eigene Sicht soll bestätigt, die andere Seite unter Druck gesetzt oder eine Entscheidung von außen herbeigeführt werden.

Der Konflikt wird dadurch nicht gelöst. Er wird nur größer.

Triangulation über Personen

In Familien, Teams und Partnerschaften zeigt sich Triangulation häufig über andere Menschen.

Ein Elternteil spricht mit dem Kind über den anderen Elternteil.
Ein Teammitglied sucht Kolleg:innen, die die eigene Sicht teilen.
Ein Geschwisterteil soll zwischen zwei anderen vermitteln.
Eine Führungskraft soll entscheiden, wer recht hat.
Freunde werden zu Richter:innen über die Beziehung.

Das kann kurzfristig entlasten. Langfristig kann es den Konflikt verschärfen.

Denn jede zusätzliche Person bringt eigene Wahrnehmungen, Bewertungen und Loyalitäten mit. Aus einem Konflikt zwischen zwei Menschen kann so ein Lagerkonflikt werden.

Plötzlich geht es nicht mehr nur um die ursprüngliche Sache. Es geht auch darum, wer auf wessen Seite steht.

Triangulation über Institutionen und Regeln

Besonders in Organisationen, Familienverfahren oder Nachbarschaftskonflikten wird häufig auf Institutionen trianguliert.

Dann wird der Betriebsrat, die Geschäftsführung, die Personalabteilung, das Gericht, das Jugendamt, die Hausverwaltung, der Vorstand oder die Behörde zur dritten Instanz.

Auch Regeln, Verträge, Protokolle oder Gesetze können diese Rolle übernehmen.

Das ist nicht grundsätzlich falsch. Manchmal braucht es tatsächlich eine rechtliche Klärung. Manchmal muss eine Führungskraft entscheiden. Manchmal braucht es den Betriebsrat, eine Behörde oder ein Gericht. Manchmal geben Regeln wichtigen Schutz.

Aber häufig steckt hinter dem Verweis auf die Institution noch etwas anderes:

„Ich möchte nicht allein dastehen.“
„Ich brauche Sicherheit.“
„Ich will, dass meine Sicht anerkannt wird.“
„Ich möchte, dass jemand die andere Seite stoppt.“
„Ich sehe keinen anderen Weg mehr.“
„Ich traue dem direkten Gespräch nicht mehr.“

Dann wird die Institution zum Schutzschild, zur Waffe oder zum Ersatz für das direkte Gespräch.

Wenn das Dritte den Konflikt verdeckt

In vielen Konflikten verschiebt sich die Aufmerksamkeit.

Statt zu fragen:

„Was ist zwischen uns passiert?“
„Wie haben wir einander erlebt?“
„Was hat mich verletzt?“
„Was brauche ich künftig?“
„Was brauchst du künftig?“
„Wie können wir wieder handlungsfähig werden?“

wird gefragt:

„Wer hat recht?“
„Welche Regel bestätigt meine Sicht?“
„Welche Instanz entscheidet gegen den anderen?“
„Welches Protokoll beweist meinen Standpunkt?“
„Wer steht auf meiner Seite?“

Damit wird der Konflikt oft scheinbar sachlicher. Tatsächlich bleibt das Beziehungsthema darunter aber ungeklärt.

Gerade deshalb sind solche Konflikte so zäh. Es wird viel über Zuständigkeiten, Regeln, Rechte und Beweise gesprochen. Aber wenig darüber, was die Beteiligten wirklich brauchen, um wieder miteinander umgehen oder tragfähige Entscheidungen treffen zu können.

Das Dritte kann Brücke oder Umweg sein

Entscheidend ist nicht, ob ein Drittes beteiligt ist. Entscheidend ist, welche Funktion es hat.

Ein hilfreiches Drittes führt zurück in Klärung, Verantwortung und Gesprächsfähigkeit.

Ein problematisches Drittes führt weg vom direkten Kontakt und stabilisiert den Konflikt.

Ein Freund kann hilfreich sein, wenn er fragt:

„Was möchtest du selbst klären?“
„Was wäre dein Anteil am nächsten Schritt?“
„Was brauchst du, um das ansprechen zu können?“

Ein Freund kann den Konflikt verschärfen, wenn er sagt:

„Mit dem kann man ja gar nicht reden.“
„Da hast du völlig recht.“
„Das musst du dir nicht gefallen lassen.“
„Ich würde da sofort Druck machen.“

Auch Institutionen können hilfreich oder problematisch genutzt werden.

Eine Regel kann Orientierung geben.
Sie kann aber auch als Keule verwendet werden.

Ein Protokoll kann Sachfragen klären.
Es kann aber auch dazu dienen, die andere Seite festzunageln.

Eine Führungskraft kann Rahmenbedingungen klären.
Sie kann aber auch in die Rolle gedrängt werden, einen Beziehungskonflikt stellvertretend zu entscheiden.

Was Mediation anders macht

Mediation ist ebenfalls ein Drittes.

Aber sie ist ein besonderes Drittes.

Mediator:innen treten nicht hinzu, um Partei zu ergreifen. Sie entscheiden nicht, wer recht hat. Sie ersetzen nicht die Verantwortung der Beteiligten. Sie sprechen auch nicht stellvertretend für eine Seite.

Die Aufgabe der Mediation besteht darin, einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem die Beteiligten wieder selbst miteinander sprechen können.

Mediation fragt nicht nur:

„Welche Regel gilt?“
„Wer hat recht?“
„Welche Instanz entscheidet?“

Sondern auch:

„Worum geht es Ihnen wirklich?“
„Was ist Ihnen wichtig?“
„Was soll künftig anders werden?“
„Welche Vereinbarung wäre für beide tragfähig?“
„Was brauchen Sie, damit ein Gespräch wieder möglich wird?“

Damit wird das Dritte nicht zum Umweg, sondern zur Brücke.

Mediation holt den Konflikt dorthin zurück, wo er bearbeitet werden kann

In einer Mediation können natürlich auch Regeln, Rechte, Verträge, Zuständigkeiten, Hierarchien oder institutionelle Rahmenbedingungen eine Rolle spielen. Sie werden nicht ausgeblendet.

Aber sie bekommen ihren passenden Platz.

Ein rechtliches Thema bleibt ein rechtliches Thema.
Ein organisatorisches Thema bleibt ein organisatorisches Thema.
Ein Beziehungsthema wird als Beziehungsthema erkennbar.
Ein Kommunikationsproblem wird als Kommunikationsproblem bearbeitbar.

Oft hilft genau diese Sortierung.

Denn viele Konflikte werden dadurch unübersichtlich, dass alles miteinander vermischt wird: Sachfragen, Verletzungen, Erwartungen, Zuständigkeiten, Machtfragen, alte Geschichten und Zukunftsängste.

Mediation hilft, diese Ebenen auseinanderzuhalten und wieder besprechbar zu machen.

Typische Anzeichen dafür, dass Mediation hilfreich sein kann

Mediation kann besonders sinnvoll sein, wenn Sie merken:

Sie sprechen mehr über die andere Person als mit ihr.
Immer mehr Dritte werden in den Konflikt hineingezogen.
Der Konflikt dreht sich zunehmend um Regeln, Zuständigkeiten oder Beweise.
Die eigentliche Beziehungsebene bleibt ungeklärt.
Gespräche enden immer wieder in Vorwürfen oder Rückzug.
Sie wünschen sich Klärung, aber kein weiteres Gegeneinander.
Sie möchten eine Lösung finden, die nicht nur formal, sondern auch praktisch tragfähig ist.

Gerade dann kann ein professionelles Drittes helfen.

Nicht als Richter.
Nicht als Verbündeter.
Nicht als Druckmittel.

Sondern als strukturierter Gesprächsrahmen.

Fazit: Das Dritte ist nicht das Problem

Triangulation ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein verständlicher Versuch, mit Spannung, Unsicherheit und Überforderung umzugehen.

Menschen suchen im Konflikt Halt. Sie suchen Orientierung. Sie suchen Schutz. Sie suchen Bestätigung.

Das ist menschlich.

Die entscheidende Frage lautet jedoch:

Führt das Dritte zurück in Klärung und Verantwortung?
Oder führt es weiter weg vom eigentlichen Gespräch?

Mediation nutzt die Kraft des Dritten auf konstruktive Weise. Sie bietet einen sicheren Rahmen, klare Struktur und allparteiliche Gesprächsführung. So kann aus dem Umweg über Dritte wieder ein direkter, verantwortlicher und lösungsorientierter Dialog werden.

Denn viele Konflikte brauchen nicht noch mehr Menschen, Regeln oder Instanzen, die hineingezogen werden.

Sie brauchen einen Raum, in dem endlich wieder miteinander gesprochen werden kann.

Gerfried Braune

Assessor jur. & zertifizierter Mediator Ringstr, 49, 66130 Saarbrücken, Telefon +49 6893 986047 Fax +49 6893 986049, Mobil +49 151 40 77 6556

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