Mediation als Praxisfeld der Inner Development Goals

Mediation als Praxisfeld der Inner Development Goals

Die Welt wird komplexer. Konflikte werden vielschichtiger. Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Zusammenarbeit, Verständigung und nachhaltigen Lösungen.

Die Vereinten Nationen haben mit den Sustainable Development Goals (SDGs) einen Rahmen geschaffen, der beschreibt, welche globalen Herausforderungen bewältigt werden müssen. Doch schnell stellte sich eine entscheidende Frage: Welche Fähigkeiten benötigen Menschen eigentlich, um diese Herausforderungen erfolgreich anzugehen?

Aus dieser Überlegung entstand die Initiative der Inner Development Goals (IDGs). Sie beschreibt jene inneren Kompetenzen, die Menschen entwickeln können, um konstruktiv mit Komplexität, Wandel und Konflikten umzugehen.

Wer sich mit Mediation beschäftigt, wird dabei schnell feststellen: Viele dieser Fähigkeiten werden in einer Mediation nicht nur vorausgesetzt, sondern aktiv gefördert.

Was sind die Inner Development Goals?

Die Inner Development Goals beschreiben 23 Fähigkeiten, die in fünf Kompetenzfelder eingeordnet werden:

  • Sein (Being)
  • Denken (Thinking)
  • Beziehung gestalten (Relating)
  • Zusammenarbeit (Collaborating)
  • Handeln (Acting)

Dabei geht es nicht um Techniken oder Methoden. Im Mittelpunkt stehen innere Haltungen und Kompetenzen wie Selbstwahrnehmung, Empathie, Perspektivwechsel, Kommunikationsfähigkeit, Mut und Kreativität.

Die Grundannahme lautet: Äußere Veränderungen beginnen mit innerer Entwicklung.

Konflikte als Entwicklungsräume

Konflikte werden häufig als Störungen erlebt. Sie kosten Zeit, Energie und Nerven. In der Mediation zeigt sich jedoch immer wieder, dass Konflikte auch Lern- und Entwicklungsräume sein können.

Menschen geraten meist nicht deshalb in Konflikte, weil sie böse Absichten verfolgen. Konflikte entstehen häufig dadurch, dass unterschiedliche Bedürfnisse, Werte, Interessen oder Sichtweisen aufeinandertreffen.

Wer einen Konflikt konstruktiv bearbeiten möchte, benötigt genau jene Fähigkeiten, die in den Inner Development Goals beschrieben werden.

Mediation schafft hierfür einen geschützten Rahmen.

Selbstwahrnehmung statt Schuldzuweisung

Zu Beginn einer Mediation stehen häufig Vorwürfe im Vordergrund.

„Er hört nie zu.“

„Sie interessiert sich nur für ihre eigenen Bedürfnisse.“

„Die andere Seite ist das Problem.“

Im Verlauf der Mediation verändert sich der Blickwinkel. Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf die eigene Wahrnehmung, die eigenen Bedürfnisse und die eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Viele Mediand:innen entdecken dabei Fragen, die sie sich zuvor nie gestellt haben:

  • Was ist mir eigentlich wichtig?
  • Was möchte ich erreichen?
  • Welche meiner Bedürfnisse sind bislang unerfüllt geblieben?
  • Welchen Anteil habe ich selbst an der Situation?

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion gehört zu den zentralen Inner Development Goals. Mediation fördert sie auf ganz praktische Weise.

Perspektivwechsel als Schlüsselkompetenz

Ein wesentlicher Bestandteil jeder Mediation besteht darin, die Sichtweisen aller Beteiligten sichtbar zu machen.

Dabei geht es nicht darum, wer Recht hat. Es geht darum zu verstehen, wie die jeweilige Realität des anderen entsteht.

Oft erleben Mediand:innen zum ersten Mal, dass hinter dem Verhalten des Gegenübers nachvollziehbare Motive stehen.

Aus dem „sturen Kollegen“ wird ein Mensch, der um Anerkennung kämpft.

Aus der „schwierigen Führungskraft“ wird jemand, der unter enormem Entscheidungsdruck steht.

Aus der „uneinsichtigen Ex-Partnerin“ wird eine Mutter, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgt.

Perspektivwechsel gehört sowohl zu den Inner Development Goals als auch zu den Kernkompetenzen der Mediation.

Komplexität aushalten

Viele Menschen wünschen sich einfache Antworten.

Konflikte bieten diese selten.

Mediation arbeitet deshalb nicht mit Schuldigen und Unschuldigen, Gewinnern und Verlierern oder einfachen Ursache-Wirkungs-Erklärungen.

Stattdessen werden unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander betrachtet.

Was für die eine Person richtig erscheint, kann für die andere Person ebenfalls plausibel sein.

Diese Fähigkeit, Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten auszuhalten, wird in den Inner Development Goals als wichtige Zukunftskompetenz beschrieben.

Mediation trainiert genau diese Kompetenz.

Empathie und Resonanz

Konflikte erzeugen häufig Distanz.

Menschen ziehen sich zurück oder greifen an.

Die Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers wahrzunehmen, geht dabei oft verloren.

Mediation schafft einen Raum, in dem wieder echte Begegnung möglich wird.

Dabei bedeutet Empathie nicht Zustimmung.

Man muss die Sichtweise des anderen nicht teilen, um sie verstehen zu können.

Oft verändert allein dieses Verstandenwerden die Dynamik eines Konflikts erheblich.

Die Erfahrung zeigt: Viele Konflikte beginnen zu eskalieren, wenn Menschen sich nicht mehr gesehen, gehört oder respektiert fühlen.

Zusammenarbeit neu lernen

In eskalierten Konflikten erleben sich die Beteiligten häufig als Gegner.

Mediation verändert diese Perspektive.

Die Frage lautet nicht mehr:

„Wie setze ich mich gegen die andere Seite durch?“

Sondern:

„Wie können wir gemeinsam eine tragfähige Lösung entwickeln?“

Damit wird die Mediation zu einem Lernfeld für Kooperation, Dialog und gemeinsame Entscheidungsfindung.

Gerade in Unternehmen gewinnt diese Kompetenz zunehmend an Bedeutung. Moderne Arbeitswelten sind auf Zusammenarbeit angewiesen. Konfliktkompetenz wird damit zu einer Schlüsselqualifikation.

Kreativität in der Lösungssuche

In der vierten Phase der Mediation werden neue Möglichkeiten entwickelt.

Hier zeigt sich ein weiterer Bezug zu den Inner Development Goals.

Wer sich ausschließlich auf bekannte Lösungswege beschränkt, bleibt häufig in den bisherigen Konfliktmustern gefangen.

Mediation lädt dazu ein, neue Optionen zu erkunden, Zukunftsbilder zu entwickeln und ungewohnte Perspektiven einzunehmen.

Kreativität wird dabei nicht als künstlerische Fähigkeit verstanden, sondern als Bereitschaft, neue Möglichkeiten zu denken.

Die Rolle der Mediatorin und des Mediators

Interessanterweise gelten viele Inner Development Goals nicht nur für die Konfliktparteien, sondern auch für Mediator:innen selbst.

Eine professionelle Mediationshaltung erfordert:

  • Selbstreflexion
  • Präsenz
  • Empathie
  • Perspektivwechsel
  • Kommunikationskompetenz
  • Umgang mit Unsicherheit
  • Kreativität
  • Mut zu Interventionen

Mediation wird dadurch nicht nur zu einer Methode der Konfliktbearbeitung, sondern auch zu einem kontinuierlichen Entwicklungsweg für die Mediatorin oder den Mediator.

Mediation als Beitrag zu einer dialogfähigen Gesellschaft

Gesellschaftliche Herausforderungen lassen sich selten durch Macht oder Durchsetzung allein lösen.

Sie erfordern Dialog, Verständigung und die Fähigkeit, mit Unterschiedlichkeit konstruktiv umzugehen.

Genau hier liegt die besondere Stärke der Mediation.

Sie vermittelt nicht nur Lösungen für konkrete Konflikte. Sie stärkt Fähigkeiten, die Menschen auch in anderen Lebensbereichen nutzen können.

Wer gelernt hat zuzuhören, Perspektiven zu wechseln, Ambivalenzen auszuhalten und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, wird Konflikte anders erleben und gestalten.

Vielleicht liegt darin der wichtigste Beitrag der Mediation zur Zukunft:

Sie hilft Menschen dabei, jene inneren Fähigkeiten zu entwickeln, die für eine kooperative und friedliche Gesellschaft notwendig sind.

Die Inner Development Goals liefern hierfür einen spannenden Bezugsrahmen. Die Mediation bietet den praktischen Erfahrungsraum.

Gerfried Braune

Assessor jur. & zertifizierter Mediator Ringstr, 49, 66130 Saarbrücken, Telefon +49 6893 986047 Fax +49 6893 986049, Mobil +49 151 40 77 6556

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