Sind alle Konflikte letztlich ein Kampf um die Weitergabe unserer Gene?
Manchmal taucht in Diskussionen über Konflikte eine provokative These auf:
Ist nicht jeder Konflikt im Grunde auf den Urimpuls zurückzuführen, die eigenen Gene weiterzugeben?
Die Idee hat ihren Ursprung in der Evolutionsbiologie. Sie ist spannend — und gleichzeitig für die Mediationspraxis nur begrenzt hilfreich.
Schauen wir genauer hin.
Die evolutionäre Perspektive: Konkurrenz als Grundprinzip
Aus Sicht der Evolutionsbiologie ist Konflikt nichts Ungewöhnliches, sondern ein grundlegender Bestandteil des Lebens. Organismen konkurrieren um Ressourcen, Sicherheit, Status und Partner. Diese Faktoren können letztlich mit Überleben und Fortpflanzung zusammenhängen.
In diesem Sinne könnte man sagen:
Konfliktfähigkeit gehört zur biologischen Ausstattung des Menschen.
Diese Perspektive erklärt, warum Konflikte überhaupt existieren. Sie erklärt jedoch nicht, wie Konflikte konkret entstehen, erlebt werden und gelöst werden können.
Und genau dort beginnt die Mediation.
Wie Konflikte tatsächlich erlebt werden
In der Praxis drehen sich Konflikte selten um Gene — sondern um Bedeutung.
Menschen streiten über:
- Anerkennung
- Gerechtigkeit
- Zugehörigkeit
- Sicherheit
- Autonomie
- Rollen
- Werte
- Kommunikation
Ein Konflikt zwischen Kolleg:innen entsteht nicht, weil jemand seine Gene weitergeben will, sondern vielleicht weil:
- Erwartungen unklar sind,
- Entscheidungen als unfair erlebt werden,
- Vertrauen beschädigt wurde,
- unterschiedliche Arbeitslogiken aufeinandertreffen.
Ein Trennungskonflikt hat zwar indirekt mit Familie und Fortpflanzung zu tun — erlebt wird er jedoch als Verlust, Angst, Kränkung oder Sorge um Bindung.
Konflikte sind daher weniger biologische als psychosoziale Ereignisse.
Die systemische Sicht: Wirklichkeiten treffen aufeinander
Systemisch betrachtet entstehen Konflikte vor allem dann, wenn unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen aufeinandertreffen.
Jeder Mensch interpretiert Situationen aus seiner eigenen Perspektive:
- geprägt durch Erfahrungen,
- Erwartungen,
- Beziehungen,
- Rollen,
- Werte.
Konflikte sind deshalb oft nicht Ausdruck von „Böswilligkeit“, sondern von Unterschiedlichkeit.
Und genau hier setzt Mediation an:
Sie schafft einen Raum, in dem diese Unterschiede verstehbar werden.
Warum diese Unterscheidung wichtig ist
Die evolutionäre Perspektive kann helfen, Konflikte zu normalisieren:
Konflikte gehören zum Menschsein.
Für die Lösung von Konflikten ist jedoch entscheidend, dass Mediator:innen sich auf die erlebte Wirklichkeit der Beteiligten konzentrieren — nicht auf biologische Fernursachen.
Denn Konflikte lösen sich nicht durch Erklärungen über Evolution, sondern durch:
- Verstehen,
- Klärung,
- Perspektivwechsel,
- neue Vereinbarungen.
Oder anders gesagt:
Evolution erklärt, warum Menschen Konflikte haben.
Mediation hilft ihnen, damit umzugehen.
Ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht ist der wichtigste Perspektivwechsel dieser: Konflikte sind nicht das Problem. Sie sind ein Hinweis darauf, dass etwas geklärt werden möchte. Und genau darin liegt ihre Chance.


