Habt Geduld mit den Mediator:innen!
Warum der Weg durch die Phasen der Mediation kein Umweg, sondern der Schlüssel zu nachhaltigen Lösungen ist
„Können wir nicht einfach zur Lösung kommen?“
Diese Frage hören Mediator:innen erstaunlich oft – manchmal schon nach wenigen Minuten. Die Erwartungen vieler Mediand:innen sind klar: Ein Konflikt ist da, er belastet, also soll er bitte möglichst schnell gelöst werden. Am besten heute. Am besten sofort.
Umso größer ist mitunter die Enttäuschung, wenn die Mediation scheinbar einen anderen Weg einschlägt: Es wird über Regeln gesprochen, über Rollen, über Sichtweisen, Gefühle und Hintergründe. Noch keine Lösung. Noch keine Einigung. Stattdessen: Phasen.
Und genau hier lohnt sich ein Moment der Geduld.
Die natürliche Ungeduld im Konflikt
Ungeduld ist im Konflikt nichts Ungewöhnliches. Konflikte erzeugen Druck – emotional, gedanklich, manchmal auch existenziell. Unser Gehirn sucht dann nach Entlastung. Lösungen versprechen genau das: Ruhe, Kontrolle, ein Ende der Belastung.
Das Problem dabei:
Schnelle Lösungen sind oft nur scheinbare Lösungen.
Sie überdecken Symptome, ohne die Ursachen zu klären. Sie wirken pragmatisch, brechen aber häufig bei der ersten Belastungsprobe wieder auf.
Mediation setzt genau hier an – und nimmt sich bewusst Zeit.
Warum Mediation nach Phasen abläuft
Das Phasenmodell der Mediation ist kein Selbstzweck und keine akademische Spielerei. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung mit Konflikten – und mit gescheiterten Einigungen.
Jede Phase erfüllt eine eigene Funktion:
-
Sicherheit und Struktur schaffen
-
Verstehen ermöglichen
-
Themen ordnen
-
Interessen sichtbar machen
-
Erst dann Lösungen entwickeln
Man könnte sagen:
Die Mediation baut erst ein tragfähiges Fundament, bevor sie ein Haus darauf errichtet.
Was passiert, wenn Phasen übersprungen werden?
Wenn Mediand:innen zu früh in die Lösungsfindung drängen, zeigen sich in der Praxis immer wieder typische Folgen:
-
Lösungen fühlen sich „faul“ oder erzwungen an
-
Eine Partei trägt innerlich nicht mit
-
Alte Verletzungen bleiben unbenannt
-
Missverständnisse wirken im Hintergrund weiter
-
Die Einigung hält nur so lange, bis der nächste Konflikt entsteht
Dann heißt es später oft:
„Wir hatten doch schon eine Lösung – aber es hat einfach nicht funktioniert.“
Nicht selten liegt das daran, dass man zu schnell dort angekommen ist.
Die unterschätzte Kraft des Verstehens
Eine der wichtigsten – und am häufigsten unterschätzten – Phasen der Mediation ist die Konfliktdarstellung. Hier geht es nicht um Schuld oder Recht, sondern um Sinnlogik:
Wie sieht die Welt aus der jeweiligen Perspektive aus?
Warum macht das Verhalten der anderen Seite – aus deren Sicht – Sinn?
Dieses gegenseitige Verstehen ist kein nettes Beiwerk. Es verändert die Dynamik des Konflikts grundlegend. Erst wenn sich Menschen wirklich gesehen und gehört fühlen, entsteht die innere Bereitschaft, sich auf neue Lösungen einzulassen.
Oder anders gesagt:
Ohne Verstehen keine tragfähige Einigung.
Geduld ist kein Stillstand
Für Mediand:innen fühlt sich der Weg durch die Phasen manchmal langsam an. Für Mediator:innen ist er hochdynamisch. Unter der Oberfläche passiert viel:
-
Perspektiven verschieben sich
-
Emotionen werden regulierbar
-
Kommunikation wird klarer
-
Blockaden lösen sich
-
neue Handlungsspielräume entstehen
Was von außen wie ein Zögern wirkt, ist in Wirklichkeit gezielte Vorbereitung.
Nachhaltige Lösungen brauchen einen guten Weg
Mediation unterscheidet sich von Verhandlungen oder Schlichtungen genau an diesem Punkt:
Sie interessiert sich nicht nur für das Ergebnis, sondern für den Weg dorthin.
Das Phasenmodell sorgt dafür, dass Lösungen:
-
von allen Beteiligten getragen werden
-
realistisch umsetzbar sind
-
zukünftigen Konflikten standhalten
-
Beziehungen nicht weiter beschädigen
Kurz gesagt:
Langsamkeit am Anfang spart Zeit am Ende.
Ein kleiner Perspektivwechsel für Mediand:innen
Wenn Sie sich in einer Mediation manchmal fragen, warum es „noch nicht“ um Lösungen geht, könnte diese Frage helfen:
Was müsste eigentlich geklärt sein, damit eine Lösung wirklich trägt?
Genau daran arbeiten Mediator:innen in den frühen Phasen – auch dann, wenn es sich ungewohnt anfühlt.
Fazit: Vertrauen Sie dem Prozess
Mediation ist kein Schnellreparaturbetrieb für Konflikte. Sie ist ein strukturierter Prozess, der bewusst Schritt für Schritt vorgeht, um echte Bewegung zu ermöglichen.
Deshalb die herzliche Bitte:
Habt Geduld mit den Mediator:innen.
Sie bremsen nicht – sie navigieren.
Und am Ende führt dieser Weg oft zu Lösungen, die nicht nur schneller Frieden versprechen, sondern ihn auch langfristig halten.


