Gerechtigkeit in der Mediation – Warum es nicht darum geht, „Recht“ zu bekommen
Wer in eine Mediation kommt, bringt fast immer ein starkes inneres Gefühl mit:
„Das ist unfair!“
„So kann man doch nicht mit mir umgehen!“
„Ich will, dass endlich Gerechtigkeit hergestellt wird!“
Und genau hier liegt eine der größten – und zugleich fruchtbarsten – Spannungen der Mediation.
Denn Mediation ist kein Ort, an dem Gerechtigkeit gesprochen wird. Und doch ist sie oft der einzige Ort, an dem sich Menschen gerecht behandelt fühlen. Wie passt das zusammen?
Das Missverständnis: Gerechtigkeit = Recht bekommen
In hoch eskalierten Konflikten verstehen Parteien unter Gerechtigkeit meist:
- Anerkennung der eigenen Sicht
- Bestätigung der eigenen Moral
- Korrektur des erlittenen Unrechts
- Sanktionierung der „Gegenseite“
Dieses Verständnis ist vergangenheitsorientiert und stark bewertend. Es sucht nach Schuld, nach Ursache, nach „wer angefangen hat“. Genau dort aber verlassen wir den Möglichkeitsraum der Mediation. Denn die Frage
„Wer hat Recht?“
führt zwangsläufig in eine Logik, die eher zu Gericht als zu Mediation passt.
Die Verschiebung: Von Gerechtigkeit zu Fairness
Mediation verschiebt den Fokus – fast unmerklich – von der Frage:
„Was ist gerecht?“
hin zu:
„Was ist für uns beide fair?“
Gerechtigkeit ist ein absoluter Maßstab. Fairness ist ein gemeinsam verhandelbarer Maßstab. Gerechtigkeit beruft sich auf Prinzipien. Fairness beruft sich auf Beziehung.
Gerechtigkeit schaut zurück. Fairness schaut nach vorn.
Die drei Ebenen von Gerechtigkeit im Konflikt
In Konflikten wirken meist drei unausgesprochene Gerechtigkeitsmodelle gleichzeitig:
| Ebene | Innere Frage | Typische Aussage |
|---|---|---|
| Verteilungsgerechtigkeit | „Bekomme ich, was mir zusteht?“ | „Das steht mir zu!“ |
| Verfahrensgerechtigkeit | „Werde ich fair behandelt?“ | „So kann man doch nicht entscheiden!“ |
| Beziehungsgerechtigkeit | „Werde ich als Mensch respektiert?“ | „So geht man nicht mit mir um!“ |
Und hier liegt der Schlüssel:
👉 Mediation kann Verteilungsgerechtigkeit nicht garantieren.
👉 Mediation kann Verfahrens- und Beziehungsgerechtigkeit sehr wohl herstellen.
Und erstaunlicherweise führt genau das häufig dazu, dass Menschen mit Ergebnissen einverstanden sind, die sie vorher als „ungerecht“ abgelehnt hätten.
Warum sich Mediation oft „gerechter“ anfühlt als ein Urteil
Ein Urteil kann objektiv gerecht sein – und sich dennoch zutiefst ungerecht anfühlen.
Warum?
Weil Menschen nicht nur auf das Ergebnis reagieren, sondern vor allem auf:
- Gehört worden sein
- Verstanden worden sein
- Einfluss gehabt zu haben
- Respekt erfahren zu haben
Das sind Aspekte der Verfahrensgerechtigkeit.
Mediation maximiert genau diese Faktoren.
Die Rolle der Mediator:innen: Hüter:innen der Fairness, nicht Richter:innen der Gerechtigkeit
Die vielleicht wichtigste innere Haltung lautet:
Ich sorge nicht dafür, dass es gerecht wird.
Ich sorge dafür, dass es fair verhandelt wird.
Das bedeutet:
- Keine Bewertung von Positionen
- Kein moralisches Einordnen
- Kein Korrigieren von „falsch“ oder „richtig“
- Konsequente Strukturierung eines fairen Dialogs
Die Struktur ersetzt das Urteil.
Der Wendepunkt in vielen Mediationen
Ein bemerkenswerter Moment entsteht häufig, wenn eine Partei sagt:
„Ich sehe es zwar anders, aber ich verstehe jetzt, warum es für dich so ist.“
Hier beginnt Beziehungsgerechtigkeit. Und ab diesem Punkt wird es möglich, Lösungen zu finden, die vorher undenkbar waren.
Gerechtigkeit als Gefühl, nicht als Maßstab
Am Ende einer gelungenen Mediation sagen Beteiligte selten:
„Das war gerecht.“
Viel häufiger hört man:
„Damit kann ich leben.“
„Das fühlt sich stimmig an.“
„So ist es für mich in Ordnung.“
Das ist keine juristische Gerechtigkeit. Das ist erlebte Fairness.
Fazit: Mediation ersetzt Gerechtigkeit nicht – sie transformiert sie
Mediation beantwortet nicht die Frage:
„Wer hat Recht?“
Sondern ermöglicht die Antwort auf:
„Wie können wir trotz unterschiedlicher Wahrheiten zu einer für beide tragbaren Zukunft kommen?“
Und genau darin liegt ihre besondere Kraft. Denn dort, wo objektive Gerechtigkeit Menschen trennt,
kann erlebte Fairness sie wieder handlungsfähig machen.
Impulsfrage für Mediand:innen
„Woran würden Sie merken, dass es für Sie fair zugegangen ist – unabhängig davon, wer Recht hat?“
Diese Frage öffnet den Raum, in dem Mediation ihre Wirkung entfalten kann.


