Echte Konflikte kann man nicht lösen – man kann nur anders auf sie schauen

Echte Konflikte kann man nicht lösen – man kann nur anders auf sie schauen

„Können wir den Konflikt nicht einfach lösen?“ Diese Frage stellen Mediand:innen häufig – verständlich, denn sie kommt aus einer Welt, in der Probleme repariert, Fehler behoben und Defekte beseitigt werden.

Doch genau hier beginnt ein grundlegendes Missverständnis: Viele Konflikte sind keine Probleme im technischen Sinn. Sie lassen sich nicht „lösen“, sondern nur anders betrachten – und gerade darin liegt die eigentliche Kraft der Mediation.

Konflikt ist kein Defekt

In unserem Alltag sind wir gewohnt, lösungsorientiert zu denken:

  • Ein Gerät funktioniert nicht → es wird repariert
  • Eine Rechnung ist falsch → sie wird korrigiert
  • Ein Termin kollidiert → er wird verschoben

Konflikte folgen jedoch anderen Gesetzmäßigkeiten. Sie entstehen nicht durch einen Fehler im System, sondern im System selbst – durch Menschen mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, Bedeutungen, Erwartungen und Interessen.

Ein Konflikt ist daher kein Defekt, sondern ein Spannungszustand zwischen Wirklichkeiten.

Wer versucht, einen solchen Konflikt „zu lösen“, läuft Gefahr,

  • ihn zu vereinfachen,
  • eine Seite zu übergehen,
  • oder scheinbare Lösungen zu produzieren, die innerlich nicht tragen.

Warum viele Konflikte nicht lösbar sind

Viele Konflikte lassen sich deshalb nicht auflösen, weil sie auf Gegensätzen beruhen, die gleichzeitig berechtigt sind:

  • Nähe vs. Autonomie
  • Sicherheit vs. Freiheit
  • Kontrolle vs. Vertrauen
  • Loyalität vs. Selbstbehauptung

Diese Gegensätze verschwinden nicht, selbst wenn man sich einigt. Sie gehören zur menschlichen Existenz – im Privatleben ebenso wie in Organisationen.

Hinzu kommt: Konflikte sind selten rein sachlich. Sie sind durchzogen von:

  • biografischen Erfahrungen
  • verletzten Erwartungen
  • Identitätsfragen
  • Beziehungsgeschichte

Solche Ebenen lassen sich nicht „wegverhandeln“.

Der entscheidende Perspektivwechsel

Mediation setzt deshalb an einem anderen Punkt an.
Nicht mit der Frage:
„Wie lösen wir den Konflikt?“

Sondern mit der Frage:
„Wie schauen die Beteiligten jeweils auf den Konflikt – und warum?“

Dieser Perspektivwechsel ist kein rhetorischer Trick, sondern eine grundlegende Veränderung der Haltung.

Statt:

  • Wer hat recht?
  • Wer liegt falsch?
  • Wer muss nachgeben?

tritt:

  • Wie sieht die Welt aus der Sicht der jeweils anderen Person aus?
  • Welche Logik hat ihr Erleben?
  • Worin liegt der Sinn ihres Verhaltens – aus ihrer Perspektive?

Anders schauen heißt nicht: relativieren oder entschuldigen

Ein häufiger Einwand lautet:

„Wenn wir nur anders darauf schauen, wird doch alles relativiert.“

Das Gegenteil ist der Fall. Mediation bedeutet nicht, Verhalten zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Sie bedeutet auch nicht, Leid kleinzureden oder Grenzverletzungen zu bagatellisieren.

„Anders schauen“ heißt:

  • Verstehen statt bewerten
  • Unterscheiden statt vermischen
  • Bedeutungen sichtbar machen

Verstehen bedeutet dabei ausdrücklich nicht, einverstanden zu sein. Es bedeutet lediglich, die innere Logik des Gegenübers zu erkennen.

Erst wenn diese Logik sichtbar wird, verliert der Konflikt einen Teil seiner Eskalationskraft.

Was sich durch den neuen Blick verändert

Der Konflikt verschwindet nicht – aber er verändert seine Wirkung

Nach einer gelungenen Mediation sagen viele:

„Der Konflikt ist gelöst.“

Gemeint ist damit meist nicht, dass es keine Unterschiede mehr gibt. Gemeint ist vielmehr:

  • Wir können wieder miteinander sprechen
  • Wir fühlen uns gehört
  • Wir wissen, worum es dem anderen wirklich geht
  • Wir haben Vereinbarungen, mit denen wir leben können

Der Konflikt ist nicht verschwunden – aber er beherrscht nicht mehr das Handeln.

Von der Lösung zur Steuerbarkeit

Mediation ersetzt das Versprechen der „Lösung“ durch etwas Realistischeres:

  • Handlungsfähigkeit
  • Gestaltungsspielräume
  • tragfähige Vereinbarungen
  • einen bewussteren Umgang mit Differenzen

Der Konflikt wird nicht aufgelöst, sondern steuerbar.

Konflikte als Ausdruck von Sinn

Aus mediations- und systemtheoretischer Sicht ist jeder Konflikt sinnvoll – zumindest aus der Perspektive der Beteiligten.
Er zeigt:

  • wo Bedürfnisse kollidieren
  • wo Erwartungen unausgesprochen geblieben sind
  • wo Systeme unter Spannung stehen

In diesem Sinne ist der Konflikt kein Fehler, sondern ein Signal.

Mediation hilft dabei, dieses Signal zu lesen – statt es zu bekämpfen.

Ein anderer Umgang statt einer schnellen Lösung

Wer erwartet, dass Mediation Konflikte „wegmacht“, wird enttäuscht. Wer bereit ist, den eigenen Blick zu weiten, erlebt häufig etwas anderes:

  • Entlastung
  • Klarheit
  • neue Wahlmöglichkeiten

Nicht weil der Konflikt verschwunden ist, sondern weil er eingeordnet wurde.

Fazit

Echte Konflikte lassen sich nicht lösen wie mathematische Aufgaben. Sie lassen sich jedoch neu verstehen.

Und dieses neue Verstehen verändert:

  • das Erleben,
  • das Miteinander,
  • und das mögliche Handeln.

Oder kurz gesagt:

Mediation verändert nicht den Konflikt –
sie verändert die Beziehung der Beteiligten zu ihm.

Gerfried Braune

Assessor jur. & zertifizierter Mediator Ringstr, 49, 66130 Saarbrücken, Telefon +49 6893 986047 Fax +49 6893 986049, Mobil +49 151 40 77 6556

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