Der „Unterschied, der den Unterschied macht“: Warum Bewegung in der Mediation nur durch Irritation entsteht

Der „Unterschied, der den Unterschied macht“: Warum Bewegung in der Mediation nur durch Irritation entsteht

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum manche Konfliktgespräche stundenlang auf der Stelle treten? Man tauscht Argumente aus, man klärt Positionen, und doch fühlt es sich an, als würde man in zähem Sirup waten. Der Grund dafür ist oft systemischer Natur: Dem System (dem Konflikt zwischen den Parteien) fehlt ein entscheidender Impuls zur Veränderung – es fehlt ein Unterschied.

In diesem Artikel erfahren Sie, warum „Unterschiede“ der Treibstoff für jede erfolgreiche Mediation sind und wie wir sie gezielt einsetzen, um festgefahrene Fronten aufzubrechen.

1. Die Theorie: Ohne Unterschied keine Information

Der Anthropologe Gregory Bateson definierte Information einmal als „einen Unterschied, der einen Unterschied macht“.

Was bedeutet das für einen Konflikt? Stellen Sie sich eine weiße Wand vor. Sie sehen nichts als Weiß. Erst wenn ein kleiner schwarzer Punkt erscheint, entsteht eine Information. Das menschliche Gehirn (und soziale Systeme) reagiert nur auf Kontraste, auf Abweichungen, auf das „Andere“.

In einem festgefahrenen Konflikt sind sich die Parteien oft „zu einig“ in ihrer Negativität: „Er ist schuld.“ – „Nein, sie ist schuld.“ Beide folgen derselben Logik von Schuld und Sühne. Es herrscht eine homogene Problem-Trance. Um hier etwas zu ändern, müssen wir als Mediatoren einen Unterschied einführen, der so groß ist, dass er nicht ignoriert werden kann, aber klein genug, um das System nicht zu sprengen.


2. Wie wir in der Mediation „Unterschiede“ erzeugen

In der Praxis nutzen wir verschiedene Techniken, um diese heilbringenden Irritationen in das Konfliktsystem zu bringen:

A. Den Unterschied zwischen Absicht und Wirkung aufzeigen (Zirkularität)

In der „Problem-Logik“ ist die Welt linear: Weil du mich ignorierst, schreie ich. Wir führen die zirkuläre Perspektive ein: „Wenn Sie schreien, wie wirkt das auf Ihr Gegenüber? Und was löst dessen Reaktion wiederum bei Ihnen aus?“ Dieser Blick auf den Kreislauf ist der Unterschied zur bisherigen Einbahnstraßen-Logik. Plötzlich ist das Problem nicht mehr eine Person, sondern das Muster zwischen ihnen.

B. Die Macht der Ausnahme (Der zeitliche Unterschied)

Konfliktparteien neigen dazu, die Vergangenheit „schwarz zu malen“. Sätze wie „Das war schon immer so“ zementieren den Stillstand. Als Mediatoren suchen wir nach dem Unterschied im Zeitverlauf:

  • „Wann gab es Momente, in denen es für fünf Minuten anders war?“

  • „Was haben Sie in diesen fünf Minuten anders gemacht als sonst?“ Die Entdeckung, dass es Ausnahmen gibt, ist die Information, die das System zur Selbstheilung braucht.

C. Reframing: Dem Gleichen eine neue Bedeutung geben

Ein „Unterschied“ muss nicht immer eine neue Handlung sein – oft reicht eine neue Bewertung. Wenn ein Partner den anderen als „stur“ bezeichnet, führen wir den Unterschied der Perspektive ein: „Könnte man diese Sturheit auch als eine beeindruckende Standhaftigkeit und Verlässlichkeit gegenüber eigenen Werten sehen?“ Durch diesen Bedeutungsunterschied verliert der Vorwurf seine Schärfe und wird zu einer verhandelbaren Eigenschaft.


3. Die Skalierung: Unterschiede messbar machen

Oft fühlen sich Konflikte wie ein unüberwindbarer Berg an. Wir nutzen Skalierungsfragen (1 bis 10), um künstliche Unterschiede zu erzeugen. Wenn eine Partei sagt: „Es ist alles katastrophal (Stufe 1)“, fragen wir: „Was müsste passieren, damit es eine 1,5 wird?“ Dieser minimale Unterschied von 0,5 macht die Veränderung plötzlich denkbar und planbar. Wir holen die Parteien aus dem „Alles-oder-Nichts“-Denken in die Welt der feinen Differenzen.


Fazit: Mediation ist die Kunst der feinen Differenz

Systeme ändern sich nicht durch gut gemeinte Ratschläge, sondern durch Erkenntnisse. Und Erkenntnisse entstehen nur dort, wo das Gewohnte durch einen Unterschied gestört wird.

Als Mediator ist es meine Aufgabe, diese Unterschiede so präzise wie möglich zu platzieren. Ich bin quasi der „Störenfried“, der die Komfortzone des Konflikts so irritiert, dass die Beteiligten gezwungen sind, ihre Sichtweise zu erweitern.

Frage an meine Leser: In welchem Bereich Ihres Lebens fühlen Sie sich gerade „festgefahren“? Welcher kleine Unterschied könnte heute Ihre Sichtweise auf die Situation verändern?


Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie wir in der Mediation mit systemischen Fragen arbeiten? Vereinbaren Sie ein Erstgespräch: https://wp.me/POJ50-1u2!

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Gerfried Braune

Assessor jur. & zertifizierter Mediator Ringstr, 49, 66130 Saarbrücken, Telefon +49 6893 986047 Fax +49 6893 986049, Mobil +49 151 40 77 6556

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